„Gentrifizierung ist Klassenkampf von oben“

Christoph Twickel über die Stadt als Dienstleister für Investoren.

Salopp gesagt geht Gentrifizierung folgendermaßen: In einem günstigen Stadtviertel siedeln sich Künstler und Studenten an. Einige von ihnen eröffnen Bars und Ateliers. Die Reichen und Schönen der Stadt werden auf das Viertel aufmerksam und gehen dort gerne aus. Nach einer Weile wollen die Besserverdienenden – die langen Wege scheuend – in dem nun angesagten Stadtteil wohnen. Mit den solventen Neuankömmlingen steigen die Mieten – alteingessene Viertelsbewohner und auch die Künstler und Studenten, die am Anfang der Entwicklung standen, müssen auf andere Stadtteile ausweichen. Einer, der die politischen und wirtschaftlichen Mechanismen, die hinter diesem nur scheinbar automatischen Prozess stecken, genau analysiert hat, ist der Hamburger Journalist Christoph Twickel. Er ist Mitgründer und Sprecher der Initiative „Not in our name, Marke Hamburg“ und Autor des lesenswerten Buches „Gentrifidingsbums oder eine Stadt für alle“. Und was hat das alles mit dem Helios-Gelände zu tun? Lest selbst.

BI Helios: Gentrifizierung wird einem immerzu als Automatismus verkauft. Da könne man ja nichts gegen machen. Wer sind denn – außer den Leuten, die in einem Viertel wohnen, hin- oder wegziehen – die eigentlichen Player? Wer befeuert zusätzlich den Lauf der Dinge?

Twickel: In erster Linie die Immobilienwirtschaft und in zweiter Linie die Politik. Klassischerweise ist Gentrifizierung ja: Die Vermieter merken, jetzt kommt eine neue Klientel in den Stadtteil und sie können eine höhere Miete nehmen. Seit 10, 15 Jahren ist es aber so, dass sich das Immobilienkapital zunehmend mobilisiert, globalisiert. Das hat mit der Liberalisierung der Finanzmärkte zu tun, das heißt, es ist heute viel üblicher, dass globales Kapital auch in die Urbanisierung reingesteckt wird nach dem Motto: Wir machen jetzt eine Zukunftswette auf bestimmte Projekte und Stadtviertel. Dieser Stadtteil – sagen wir mal Köln-Ehrenfeld – wird der Hotspot der nächsten Jahre sein und deshalb spekulieren wir darauf, dann steigen die Grundstückspreise, dann wird da aufwendiger saniert, dann werden Miet- in Eigentumswohnungen umgewandelt, dann werden dort Projekte gebaut, bei denen man sich jetzt noch gar nicht vorstellen kann, wer da eigentlich zu den hohen Preisen wohnen soll. Damit diese Zukunftswette funktioniert, muss sich natürlich die Bevölkerung austauschen – zugunsten eines besserverdienden Publikums. Und natürlich ist das etwas, was die Städte von politischer Seite auch strategisch angestrebt haben. Ich habe es an Hamburg nachgewiesen, dass seit Mitte der 80er-Jahre ganz klar die Devise gilt, wir wollen die westliche innere Stadt aufwerten und für eine neue Klientel interessant machen. Das heißt, bestimmte Formen von Armut und von Randständigkeit haben in der Innenstadt keinen Platz mehr und das wird auch von polizeilichen Strategien flankiert: Plötzlich ist es ein Problem, dass sich am Hauptbahnhof Leute mit Bierdosen sammeln. Meine These ist: Gentrifizierung ist Klassenkampf von oben, soll heißen: Es geht nicht nur um Angebot und Nachfrage, es geht auch darum, dass sich die Politik strategisch in der Konkurrenz der Metropolen durchsetzen und die interessanten Bürger in die eigene Stadt lotsen will. Wer gewinnt – Köln, Berlin oder Hamburg? Wer zieht die Intelligenzia an? Wo gehen die Kreativen hin?

BI Helios: Die Politik will gestalten, heißt es immer. Du schreibst in Deinem Buch, die Politik überlasse die Stadtplanung lieber dem Immobilienmarkt. Warum tut sie das? Ist das nur mit leeren Kassen zu erklären?

Twickel: Es hat schon eine Veränderung gegeben, die versuche ich in dem Buch auch zu beschreiben. Die Städte werden mehr und mehr als Dienstleister für Investitionsmöglichkeiten begriffen. Die Stadt stellt bloß den Grund und Boden und die Infrastruktur zur Verfügung und fungiert dann eher als Portfolio von Anlagemöglichkeiten. Das lässt sich schön an Projekten wie der HafenCity zeigen, wo eben der Masterplan darin bestand, bestimmte Bereiche festzulegen, wo was in etwa passieren sollte, die Gestaltung des Ganzen wurde jedoch weitgehend den Investoren überlassen.

BI Helios: Warum ist das so?

Twickel: Ich glaube das ist eine Lobbyfrage. Die Banken, die Baufirmen, die Immobilienfonds machen einfach sehr gute Lobby-Politik. Stadtväter und -mütter haben auf der anderen Seite einen Hang dazu, das Große, Spektakuläre zu befürworten und da verschränken sich dann die Interessen von Wirtschaft und Politk. Die Politker wollen die Stadt fit machen für solvente Steuerzahler und setzen deshalb auf die großen spektakulären Bauwerke, auf die Leuchtturmprojekte, die architektonischen Ufos. Anlagen mit günstigen Wohnungen machen auch weniger her in den Medien als eine Elbphilharmonie, vor der man als Politiker posieren kann.

BI Helios: Ich würde gerne auf das Heliosgelände zu sprechen kommen. In Maklerdeutsch ist das ein „Filetstück im Herzen eines pulsierenden Szeneviertels“. Der Ist-Zustand des Geländes wird vom Investor als Brache dargestellt, als Schandfleck. In Wirklichkeit sind dort aber jede Menge Ateliers, eine bekannte Konzerthalle namens Underground, da sind Musiker, Designer, Möbelläden, Schreiner und dergleichen angesiedelt. Ist das ein übliches Vorgehen von Investoren, ein Gelände, auf dem sie bauen wollen, zunächst einmal schlecht zu machen, um das Bauvorhaben als ″alternativlos″ darstellen zu können? Kennt man das aus Hamburg auch?

Twickel: Dieser „Schandfleck“-Diskurs ist weitverbreitet. Wo noch keine Künstler und Studierende sind, wo vielleicht der türkische Schlachter neben dem Ein-Euro-Shop sein Gewerbe treibt und Leute auf der Straße rumlaufen, die man in den meisten Teilen der Innenstadt gar nicht mehr sieht, nämlich die vier großen A’s – die Armen, die Alten, die Ausländer und die Arbeitslosen -, dass es dort dann heißt: das ist ein Schandfleck, ein unterversorgter Stadtteil, ein Stadtteil, der zu kippen droht. Ich kenne das als Dramatisierung von den Ecken in der Stadt, die einfach noch etwas preisgünstiger sind. In Hamburg war das so, als in Altona ein IKEA-Möbelhaus geplant wurde. An der Stelle steht ein großes Kaufhaus, das bis vor einem Jahr als Atelierhaus genutzt wurde. Da hieß es dann auch: ein hässlicher Klotz, der muss weg. Das ist eine clevere Strategie, weil da die Medien oft drauf einsteigen, da kann man schöne Fotos machen von abgewrackten Gebäuden und dann steht in der “Bild” oder der “Express”: Hier kommt jemand und baut etwas schönes Neues – endlich wird der Schandfleck beseitigt. Es ist nicht einfach, gegen eine solche Presse anzuarbeiten.

BI Helios:Nach der Ankündigung des Investors, eine Mall bauen zu wollen, waren auch in Köln die Webforen der Lokalzeitungen voller zustimmender Kommentare nach dem Motto: Endlich wird das Viertel aufgewertet und die Dönerbuden und Handyläden verschwinden. Aber der Investor benutzte auch eine clevere Wortwahl: Er sprach nicht von einem Einkaufszentrum, sondern von den “Helios Höfen”, da denkt man an die Hackeschen Höfe in Berlin. Die denkmalgeschützte Rheinlandhalle, die auf dem Gelände steht, will der Investor zu einer “Markthalle” umfunktionieren – da denkt man direkt an Lissabon – kilometerlange Fischtheken und Gemüsestände – in Wirklichkeit kommt da ein REWE rein. Auf diese Art und Weise werden die Bürger hinters Licht geführt und befürworten dann das Bauprojekt. Von welchen Seiten kommt der Widerstand gegen unseren Widerstand?

Twickel: Das ist oftmals ein Problem, gegen solche Entwicklungen zu mobilisieren. Weil zunächst einmal haben die Leute nichts gegen eine Modernisierung der Stadtgestalt, gerade wenn sie verbunden ist mit Konsumtempeln aller Art. Jedem ist erstmal der Mediamarkt oder REWE näher, als irgendeine Subkultur-Kaschemme oder irgendwelche Ateliers und Arbeitsräume. Und wenn man sagt, wir wollen ein sozio-kulturelles Zentrum haben – da können viele Leute erstmal nichts mit anfangen. Das ist schon ein harter Kampf, auf dem man sich da einlässt. Was man den Bürgern klarmachen muss, ist, dass natürlich nicht nur die Kreativen, das Underground, die Subkultur verschwinden werden. Mit der Shopping-Mall verschwinden alle möglichen Formen von subalterner Produktion in der Stadt. Solche Ecken sind ja auch immer Nischen für kleine Werkstätten und Läden – ob da Leute an irgendetwas rumschrauben, ob da ein türkischer Polsterer günstig die Möbel auffrischt – all das sind Dinge, die irgendwann aus dem Stadtteil verschwinden, an den Rand gedrängt werden. Ich glaube, wenn wir es schaffen, den Leuten klarzumachen, das auch für sie ein Stück Lebensqualität verschwindet, wenn so ein Ort wie das Heliosgelände durch den x-ten REWE und den x-ten Mediamarkt ersetzt wird, dann kann man sie auch dazu kriegen, dagegen etwas zu machen.

BI Helios: Die Bürgerinitiative Helios hat erreicht, dass es ein vertieftes Bürgerbeteiligungsverfahren gibt. Wie sind die Erfahrungen mit solchen Verfahren in Hamburg?

Twickel: Dazu müsstest du mir zunächst erklären, was ein vertieftes Bürgerbeteiligungsverfahren bedeutet.

BI Helios: Das ist ein moderiertes Verfahren, bei dem ein bezahlter externer Moderator sich mit Anwohnern und Investor an einen Tisch setzt. In mehreren Runden wird dann versucht, einen Kompromiss zu finden.

Twickel: Ich will jetzt nicht sagen, dass so etwas grundsätzlich des Teufels ist und dass man besser dagegen protestieren sollte. Aber die Frage ist bei solchen Verfahren immer: Welchen Hebel gibt dir das in die Hand, Einfluss zu nehmen auf das Projekt? Oder bedeutet es, dass der Protest eingebunden wird und die Anwohner lediglich an der Fassadengestaltung – grün oder blau – mitwirken dürfen? Oder der Investor gönnt ein paar Künstlern eine kleine Ecke und erreicht damit eine Befriedung. Man muss sich auch fragen, wer spricht da mit wem über was? Und: Ist das ein Verfahren, an dessen Ende die Stadt den Investor zwingen kann, bestimmte Dinge auf diesem Gelände zu tun? Oder werden da einfach luftige Empfehlungen ausgesprochen, die am Ende in den Papierkorb wandern. Wir haben in Hamburg oft erlebt, dass bei diesen Beteiligungsverfahren eine enorme Anwohnermobilisierung stattfindet, die Leute sich unheimlich viele Gedanken machen und letztendlich landet das dann in der Rundablage im Bezirksamt, weil der Investor sowieso etwas anderes plant. Da muss man sehr vorsichtig sein und im Vorfeld abklären, was eigentlich der Status dieser Verfahren ist.

BI Helios:Was für uns Ehrenfelder reizvoll klingt, ist die Gängeviertelbesetzung in Hamburg – nicht nur der Aktion wegen, sondern auch des Ausgangs wegen: Die Stadt Hamburg hat das Gelände zurückgekauft. Das ist theoretisch mit dem Heliosgelände auch möglich. Wie kam es in Hamburg dazu?

Twickel: Das war ein erstaunlicher Vorgang: Die Gängeviertel-Leute haben es geschafft, dieses Areal zum Traumort für ganz viele unterschiedliche Leute zu machen. Dort sind nicht nur Kulturleute und Hausbesetzer hingekommen, sondern da sind auch ganz viele ältere Hamburger, bürgerliche Leute, durchgewandert und haben gemerkt: Diese Hafenarbeiterslums sind einfach ein geschichtliches Zeugnis. Und dieses Viertel nun durch etwas zu ersetzen, was man drumherum sowieso schon hat – diese Glasbetonappartementbürokomplexe – das hat viele Menschen empört. Es ist gelungen, auch die bürgerlichen Medien darauf einzustimmen und plötzlich kam dann der Punkt, dass die damalige schwarz-grüne Regierung versucht hat, das zu ihrem Projekt zu machen, nach dem Motto: Toll, dass sie uns darauf hingewiesen haben, wir versuchen nun, diese Häuser zu retten. Die Gängeviertelbesetzung ist aber auch ein spezieller Fall. Ich habe versucht in meinem Buch zu beschreiben, dass es dabei natürlich auch um das Image der Stadt ging. Die Stadt Hamburg hat an dieser Stelle versucht, das Bild, was die Welt von der Stadt haben soll, zu retten. Ich könnte mir vorstellen, dass so etwas zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr möglich wäre, aber zwischendurch klappts dann mal. Das sind manchmal historische Glücksfälle.

BI Helios: Heißt von Hamburg lernen, siegen lernen? Wie mobilisiert man in Hamburg?

Twickel: Wir wollen mal nicht übertreiben: Wir hatten zwei große Demos, wo man dann sehen kann, wie viele Leute es wirklich sind. Bei der ersten waren es 4000, bei der zweiten waren es 5000 bis 6000 Leute – in Stuttgart laufen regelmäßig Zehntausende zusammen. In Hamburg ist das schon eine kleine Gruppe von engagierten Bürgern. Wie mobilisiert man? Es ist gut, wenn man lokal mobilisieren kann, wenn man irgendwo schon drin ist und man vor Ort etwas machen kann. Ich finde es immer schwieriger, ein Gelände von außen zu bearbeiten – immer nur davor zu stehen und nicht drin zu sein. Besser ist es, reinzugehen und etwas zu schaffen. Das ist mir ganz oft aufgefallen – beim Gängeviertel, aber auch beim ehemaligen Frappant-Kaufhaus – die Leute sind reingekommen und haben auch ein Stück Stadtgeschichte und ein Stück ihrer eigenen Biographie entdeckt – nach dem Motto: Ah ja, so sah das früher aus, oder hier war ich doch damals immer einkaufen. Zusätzlich ist es auch nicht unwichtig, gute Verbindungen zur lokalen Pressemafia zu haben. Ich weiß nicht, wie das in Köln läuft.

BI Helios: Mafia trifft es schon ganz gut.

Twickel: Aber es gibt auch in den Redaktionen mittlerweile Leute, die das Problem erkennen. Ich merke, dass das Thema Gentrifizierung in den Medien ankommt, weil die Redakteure selber bei der Wohnungssuche merken, hoppla, noch nicht mal ich kann mir dieses Viertel noch leisten! „Yuppies against Gentrification“, wie es eine Hamburger Künstlergruppe kürzlich zusammengefasst hat.

(Das Gespräch führte Andreas Lemke)

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3 Antworten zu „Gentrifizierung ist Klassenkampf von oben“

  1. Micha schreibt:

    “Yuppies against Gentrification”?

    Das ist doch ein Oxymoron!

  2. Andreas Lemke schreibt:

    Wir haben das Gespräch im Zeitcafé im Hauptbahnhof geführt – der Ton ist miserabel, daher bleibts leider bei der schriftlichen Form ;-(

  3. Thor Zimmermann schreibt:

    Sehr schön, besonders der Bezug zu unserem Problem! Gibt es das ganze später mal geschnitten auch als Tondokument?

    Dank & Gruß, Thor

    „Mafia trifft es schon ganz gut.“ 🙂

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