Viel Lärm im Veedel

Ein Artikel von Suza Fettweiß

Der Verkehrslärm rund um das Helios Gelände in Ehrenfeld ist schon jetzt gesundheitsgefährdend. Die Bebauung mit einem Einkaufzentrum würde die Verkehrsbelastung noch weiter verschlimmern – das verstößt gegen EU-Recht.

Angestoßen durch die EU-Richtlinie 2002/49/EG des EU Parlaments und Rates finden deutschlandweit Analysen und Entwicklungen von strategischen Konzepten zur Lärmaktionsplanung statt – so auch in Köln.

Zunächst wurden die Lärmpegel in der Stadt übers Jahr hin gemessen und kartiert. Im Kölner Stadtanzeiger vom 1.10.2010 wurde im Artikel „Leben jenseits der Krachgrenze“ über die Ergebnisse berichtet. Das städtische Umweltamt will nun gemeinsam mit dem Planungsbüro LK Argus einen Aktionsplan erarbeiten. LK Argus ist ein Gemeinschaftsunternehmen von Lärmkontor GmbH und Argus Stadt- und Verkehrsplanung mit Sitz in Berlin, Hamburg und Kassel. Wie in dem KSTA-Artikel erwähnt, sind alle BürgerInnen ab November aufgerufen, sich mit Hinweisen auf Lärmprobleme und Besserungsvorschlägen intensiv an dem Maßnahmenkatalog zu beteiligen!

Auf der Internetseite der Stadt Köln finden sich über das Stichwort „ Lärm“ alle Informationen, Links und Telefonnummern der Stadt zu dem Thema. Die Lärmkarte lässt sich für jede Straße mit Werten anklicken. Hier ist der Bereich Helios Gelände einsehbar:

(Quelle: Lärmkarten NRW, Umweltministerium NRW).

Das Helios Gelände – „Das Filetstück von Ehrenfeld“ (Zitat Bezirksbürgermeister Wirges)

Den „dringlichsten Handlungsbedarf“ nennt die EU mit einer 24-Std.-Belastung von 70 dB (in der Karte mit gelber Linie gekennzeichnet) – was rund um das Helios Gelände der Fall ist. Neben der Belastung durch den Autoverkehr kommen 141.620 Züge pro Jahr auf der Achse Vogelsang – Ehrenfeld, die an der Heliosstr. entlangführt.

Ein – wie auch immer gestaltetes – Einkaufszentrum auf dem Helios Gelände würde den Verkehr in Ehrenfeld noch weiter belasten und die Bemühungen des städtischen Umweltamtes ad absurdum führen. Aus diesen Gründen könnten solche Pläne einer möglichen Klage vor dem EU-Gerichtshof nicht standhalten!

Auf die Gefährdung des bestehenden Einzelhandels auf der Venloer Str. durch die geplanten 20.000 qm Geschäftsfläche wurde schon vielerorts hingewiesen. Aber angesichts des Verkehrslärms rund um das Helios Gelände, erscheinen auch die Abrissdrohungen gegenüber dem Musikclub Underground aus Lärmschutzgründen fadenscheinig und zynisch!

Angesichts noch weiterer, existentiell bedrohlicher Kürzungen im städtischen Kulturetat, darf das Underground als ein erfolgreich wirtschaftender Musikclub, seit über 20 Jahren am Platz, weit über Kölns Grenzen hinaus bekannt, nicht abgerissen werden – egal wie man oder frau subjektiv zu diesem Club und seiner Musik steht!

Was in Ehrenfeld fehlt, ist eine nachhaltige Gesamtplanung – Lärmschutz inbegriffen!

2003/04 wurde unter Bürgerbeteiligung mit der Stadt- und Regionalplanung Dr.Jansen GmbH ein Rahmenplan Braunsfeld/ Müngersdorf / Ehrenfeld begonnen. In diesem Rahmenplan wurde u.a. das Ziel formuliert, „Kultureinrichtungen nach Möglichkeit an Ort und Stelle zu belassen“ und „die Kulturachse Sidol-Gelände, Karnevalsmuseum, Lichtstr. mit der Live-Music-Hall, in direktem Zusammenhang mit Proberäumen und dem Jugendzentrum, zu erhalten und weiter zu entwickeln“.

„Künstler-Ateliers“ sollten auf dem Sidol-Gelände erhalten werden, aber auch „darüber hinaus in Wohnbereichen“, sowie die „Umnutzung alter Industriebauten für Kultur, Versammlungen, privaten Feiern“.

Auf der Sitzung der Ehrenfelder Bezirksvertretung im November 2008 wurde die Idee besprochen, in dem Kwatta-Gewölbe an der Roßstr. ein europäisches Fahrradmuseum zu etablieren – das wäre aber z.B. ebenso eine Idee für einen Teil der Rheinland-Halle auf dem Helios Gelände. Und der Helios Turm, von vielen als Wahrzeichen Ehrenfelds bezeichnet, sollte ein öffentlich begehbares Kulturgut des Viertels sein!

In diesem Sinne gehört zur Planung des Helios Geländes der Bestandserhalt, der auf dem Gelände ansässigen Musiker- und KünstlerInnen, Kulturschaffenden und Gewerbetreibenden.

Lärmschutz durch Grünanlagen

Lärmschutzbauten, Erdwälle, leiserer Fahrbahnbelag und Verkehrschienen, Geschwindigkeitsbegrenzungen – die EU Richtlinie fordert ebenso „Einfluss auf die Tarif- und Angebotsgestaltung des Öffentlichen Nahverkehrs zu nehmen“ – diese Maßnahmen nützen an den großen Verkehrsachsen. Gegen den Lärm, als eine der gravierendsten Umweltbelastungen, helfen Grünanlagen in dicht bebauten Wohn- und Arbeitsgebieten, verbessern die Luft und das Wohlbefinden der Menschen.

Ehrenfeld wächst stetig und die Bebauung wird damit immer dichter. In der Planung für das Helios Gelände sollte auch die zukünftige Bebauung des großen Areals im Grünen Weg durch die GAG AG bedacht werden. Geplant sind 5 bis 7 stöckige Häuser mit überwiegender Wohnnutzung, daneben 30 – 50 Prozent Kleingewerbe und Büros (s. die Architektenpläne „Grüner Weg“ im Internet).

Einzeln stehende Bäume oder Baumreihen helfen gegen den Lärm nur wenig. Die Uni Koblenz kommt in ihren Studien zu diesem Thema zu folgendem Ergebnis:

Schalldämmende Effekte treten erst bei Pflanzungen mit großer Bewuchstiefe und –staffelung auf; also Pflanzungen gemischt aus Laub- und Nadelbäumen und Sträuchern. Ergänzend haben Hecken durch ihre dichte Strukturierung eine gute Dämmwirkung. Allerdings verhindern auch einzeln stehende Bäume das sog. Flatterecho; ein Hin- und Herschwingen des Schalls zwischen den Häuserreihen. (s. im Internet „Lärmschutz durch Bäume“)

In dem oben genannten Rahmenplan wurde schon 2003/04 die Schaffung von „wesentlich mehr Grün“ festgeschrieben. Das Bedürfnis nach „mehr Grün“ ergab auch eine Umfrage der Bürgerinitiative Helios im Viertel.

Aber wie sehen die Grünanlagen auf den öffentlichen Plätzen in Ehrenfeld aus?

Kurz gesagt: auf dem Barthonia Forum, dem Platz vor dem 4711-Gebäude, steht kein Baum und keine Bank; die Tristesse des Neptunplatzes wird nur dienstags und freitags willkommen durch den Markt belebt; von der Grünanlage vor dem Bürgerzentrum Ehrenfeld, BÜZE, wissen die wenigsten oder trauen sich nicht hinein, weil eine große Mauer sie abschirmt (wann wird endlich diese Mauer abgerissen?); auf dem Alpener Platz mögen sich nichtmals die Obdachlosen aufhalten; der Platz vor dem Ehrenfelder Bahnhof wird von einem Café mit Pflanzenkübeln und Tischen erfolgreich bewirtschaftet; der Lenauplatz wurde unter finanzieller Beteiligung der AnwohnerInnen saniert, aber aufhalten mag sich dort immer noch niemand – das alles hat etwas mit dem fehlenden „Grün“ zu tun!

Eine größere Grünanlage auf dem Helios Gelände wäre daher nicht nur aus Lärmschutzgründen sinnvoll und wünschenswert! Bei der Gestaltung des Geländes sollte die LK ARGUS mit ihrer Erfahrung in Stadtplanung und Lärmschutzmaßnahmen einbezogen werden!

Wer soll das bezahlen?

Aufgrund des großen Protests wurden auf der Sitzung der Bezirksvertreter Ehrenfelds Anfang Oktober die Pläne des Investors Bauwens-Adenauer für ein Einkaufszentrum vorerst auf Eis gelegt. Den BürgerInnen Ehrenfelds wurde ein umfassendes Mitspracherecht bei der Gestaltung des Geländes eingeräumt. Der Stadtentwicklungsausschuss wird nun ein Verfahren erarbeiten, wie durch eine Reihe von Versamm-lungen und Workshops Vorgaben für den Investor gemacht werden können, die dann im Rahmen eines Architektenwettbewerbs umgesetzt werden sollen.

Das ist ein großer Erfolg und eine echte Chance! Engagement lohnt sich!

Andreas von Wolf, stellvertretender Leiter des Stadtplanungsamtes (der auch an dem Rahmenplan beteiligt war), wird von der Kölnischen Rundschau vom 7.10. zu den anstehenden Diskussionen mit den Worten zitiert: „Was immer dort passiert, es muss sich für die Investoren rentieren.“

Aber warum sollen die Einzelhändler-, In- und AusländerInnen, Musikszene, Kulturschaffenden, Studenten, Familien mit Kindern – die sog. Bunte Mischung, die den Charakter Ehrenfelds ausmachen, nur die Wegbereiter sein für eine erfolgversprechende Rendite einiger weniger Investoren??

In jahrelanger Misswirtschaft, Klüngel und Mauscheleien wurden und werden Steuergelder verschleudert und vergraben! In dem die Stadt versucht, mit dem Verkauf auch der letzten „Filetstücke“, die klaffenden Haushaltslöcher zu stopfen, beschneidet sie sich immer weiter jede Möglichkeit, Stadt zu planen und zu gestalten. Mit dieser Art von Politik beraubt die Stadt auch noch kommende Generationen und stiehlt sich dabei Schritt für Schritt aus jeglicher sozialer Verantwortung. Mietpreisbindungen wurden längst aufgehoben, Sozialer Wohnungsbau, Kulturförderung, soziale Betreuung werden privaten Investoren überlassen. Alle öffentlichen Aufgaben werden nach und nach der freien Wirtschaft übertragen und nur noch an Renditen gemessen.

Aber die Stadt gehört allen – wir sind das Veedel!

20.10.2010 Suza Fettweiß

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Eine Antwort zu Viel Lärm im Veedel

  1. Andreas Lemke schreibt:

    Die Idee mit dem europäischen Fahrradmuseum würde gut zur Rheinlandhalle auf dem Heliosgelände passen, denn dort fand am 2. November 1928 Kölns erstes Sechstagerennen statt. (siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Helios_AG#Rheinlandhalle)

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